Einleitung
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Die Wurzeln der mittelalterlichen Hospitalgeschichte als Forschungszweig und als Thema popularisierender Geschichtsliteratur liegen im 19. Jahrhundert.
Die ältesten Werke über diesen Gegenstand fallen in die Jahre, in denen die Fortschritte in der Hygiene und vielen anderen naturwissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen das Aussehen wie auch die Funktion der alten Hospitäler revolutionierten, in denen man begann, Krankenpflege zu einem respektablen bürgerlichen Beruf, dem ersten Frauenberuf zu machen, und in denen zwischen Gründertum und Sozialismus bestimmte kirchliche Kreise nach Wegen zur Lösung der "socialen Frage" suchten.
Die mittelalterlichen Hospitäler standen in den meisten Städten noch ganz wohlbehalten vor Augen "meist ... kleine und unscheinbare, nicht selten vernachlässigte und verfallene Anstalten," so konnte Rudolf Virchow in einer der ältesten hospitalgeschichtlichen Abhandlungen bei ihnen anknüpfen (Virchow, Ueber Hospitäler (1869), S. 3). Doch sie waren zum Schrecken für hygienebewußte Ärzte geworden wegen ihrer stickigen Luft, den wurmstichigen Himmelbetten, die außer dem armen Kranken noch Aufenthalt boten für "alte Stiefeln, Schuhe, Seife und Aepfel, in den Ecken der Gardinen Spinnen und Spinnengewebe, und auf dem Bretterboden unten im Stroh Mäusenester und quikende Junge, in den Ritzen Wanzen, und im wurmstichigen Holz Todtenuhren. Unter dem Bett allerlei unbrauchbaren Hausrath, und im Winter wohl Kartoffeln und Kohl"'(J. F. Dieffenbach, Krankenwartung, S 62-63).
Und gleichzeitig wurden die in den alten Hospitälern seit eh und je agierenden Wärterinnen und Wärter plötzlich als "unwissend, trunksüchtig, habgierig und von zweifelhafter Moral" verschrieen - von den energischen gebildeten Damen, die nun einen Beruf fühlten dazu, "Pflegerin" 'zu werden, und ihren Einzug in die alten Hospitäler mit tagelangem (Koblenz: 9 Tage) Ausmisten des "Augiasstalls" (Dock/NuttingKarll, Gesch. d. Krankenpflege) feierten.
Doch eine so historisch orientierte Bildungsgesellschaft wie die des 19. Jahrhunderts führte auch ihre brennendste soziale und politische "Frage" ganz ungezwungen in die mittelalterliche (und noch fernere) Vergangenheit zurück. Dabei galten die Hospitäler als besonders deutliche Konkretion eines gewissen Umgangs mit dem Armutsproblem. Mancher entwarf nun aus dem zufälligen, gerade verfügbaren Quellenmaterial ein idealisches Bild mittelalterlichen Hospitalwesens, so daß nur der Neuzeit die Schuld am aktuellen Dilemma zufiel (vgl. unten über Bensen) - andere stellten das Mittelalter eher als dialektische Antithese zwischen die These: das ursprüngliche Christentum und die Synthese: die in naher Zukunft erwartete Vollendung der christlichen Liebestätigkeit (vgl. unten über Uhlhorn).
Auf jeden Fall wurden die Forschungen über die Geschichte der Hospitäler begonnen, noch bevor die akademische Geschichtswissenschaft etwas wie "Culturgeschichte" als ihre eigene Aufgabe erkannt hatte (vgl. unten Kap. D,I): Wo nicht etwa ein Jubiläum öder sonst ein Anlaß zu Besinnung und Rückblick in irgendeiner ehrwürdigen Institution einen Historiker mit Ausarbeitung einer Festschrift beschäftigte (z. B. Kornerup-Lorenzen, Ålborg Stiftshospital), blieb es den interessierten Geschichtsbenutzern selbst überlassen, oft neben ihrer Berufsarbeit, historisch zu dilettieren - wozu sie aufgrund hoher allgemeiner Bildung oft ganz gute Voraussetzungen mitbrachten
So bildeten sich, je nach den verschiedenen Kreisen am Hospitalwesen Interessierter, einander fremde Forschungs- und Darstellungstraditionen heraus, die vielfach bis heute lebendig geblieben sind (so bisher nur Herrlinger, Discorso ufficiale, S. LXIIIf.), indem sie die Fragestellungen in auseinanderstrebende Richtungen lenkten, eine Tendenz zur Selbstgenügsamkeit entwickelten und die gegenseitige Ergänzung der verschiedenen Perspektiven, die Kumulation der Forschungserträge verhinderten. Erst neuerdings beobachtet man ein Vordringen der Allgemeinhistorie auf die bisher ganz den Interessentenkreisen selbst vorbehaltenen Gebiete, besonders über die lokalgeschichtliche Ebene; den Anfang machte die Rechtsgeschichte um 1920-30 (vgl. unten Kap. F)
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Nun kommt es aber nicht darauf an, die Fragestellungen der bisherigen Bearbeiter der Hospitalgeschichte als unwissenschaftlich o. dgl. zurückzuweisen, sondern sie zu integrieren und damit nutzbar zu machen.(vgl. unten Kap. G).
Deshalb geht der 1. Teil dieser Arbeit davon aus, daß die Erkenntnis der Geschichte, ohne daß das nur zum Nachteil wäre, immer zu einem Teil von der aktuellen Situation und den aktuellen Problemen geleitet wird, die die Forscher umgeben - auf dem Gebiet der Hospitalgeschichte zeigt es sich besonders deutlich. Er zeigt, wie auf diesem Gebiet, das nie zum Kanon der professionellen Geschichtswissenschaft gehörte, sich durch aktuellen Bedarf aber doch immer wieder aufdrängte, verschiedene Forschungstraditionen entstanden. Zu dem Zweck werden die vorliegenden Abhandlungen danach eingeteilt, auf welche älteren Abhandlungen sie am stärksten aufbauen und mit welchen sie gemeinsame Grundbegriffe von "Hospital", "Krankenpflege", "Wohltätigkeit" usw., sowie gemeinsame methodische Prinzipien teilen.(). Der Archäologe Kristian KRISTIANSEN beschreibt das Funktionieren einer Forschungstradition auf folgende, auch für die Hospitalgeschichtsforschungen zutreffende Weise: "... ein festgefügtes System von Wissen, Erbgut wird aus der älteren Forschung übernommen, nachdem es mehrere Forschergenerationen passiert hat, ist es zu selbstverständlichen Wahrheiten geworden, über deren Voraussetzungen niemand mehr spekuliert
Lücke: S. IX am meisten Arbeiten umfassen und weil sie in ihren leitenden Gesichtspunkten oft genau entgegengesetzt sind. Der medizinhistorischen Forschung aber steht aus anderem Hintergrund heraus auch die Berufsgeschichtsschreibung der Krankenpflege gegenüber, die darum ebenfalls ausführlicher behandelt wurde.
Ein Resümee der Forschungserträge wurde nur, exemplarisch, bei der medizingeschichtlichen Forschung und bei der Krankenpflegegeschichte versucht. Die Ergebnisse der Kirchengeschichte sind einerseits schwerer auf bestimmte Problemstellungen hin zu konzentrieren, andererseits eher auch außerhalb der Forschungstradition bekannt geworden.
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Zuletzt bearbeitet am 15. 11. 2009 um 10.30 Uhr CET
© Bernhard Höpfner 1985.
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